Vernissage: 27.10.2023, um 19 Uhr

Angaben zum Bild:
Irina Krause Salome, 150 x 120 cm,  Öl auf Leinwand, Privatbesitz 

 

Bodyplay

Ausstellungszeitraum: 28.10 bis 19.11.2023

Vernissage: 27.10.2023, um 19 Uhr
Begrüßung: KVFM

Einführung: Dr. Snejanka Bauer
Musik: Nadja Jeliazkova

Künstler:innen: Irina Krause, ‘leonid matthias‘ und Nadja Jeliazkova
Installation / Malerei / Zeichnung
Stickereien / Design
Sound

Über die Ausstellung:

Süß und niedlich kommen sie daher – Darstellungen gemalter Barbies und kleiner Kinder. Doch der Schein trügt – Barbie hat Ken geköpft, Schneewittchen spielt mit einem Schädel.

In der Ausstellung Bodyplay bilden verschiedene Kunstformen und Motive eine Symbiose, die mit der Erwartung des Betrachters „spielt“. Bekannte Mythen, vertraute Motive und Figuren von der Antike bis zur Gegenwart werden verfremdet und eröffnen unerwartete Bedeutungsebenen. Reales und Surreales verschmelzen zu vielschichtigen Kreationen: Barbie wird zu Salome, aus kleinen Fischen blubbern Luftblasen in der Form von Knöpfen zur Wasseroberfläche, ein Wasserbrunnen spendet kein Wasser, sondern entpuppt sich als Milch spendender Fußball. Die Kunstwerke sind von Originalität und subtilem Humor geprägt. Großformatige Zeichnungen treten in Dialog mit Ölgemälden aber auch mit gestickten Bildern, mit Skulpturen und einer Sound-Installation. Analoge und digitale Welten prallen aufeinander.
Arbeiten von Irina Krause wurden schon in New York und London gezeigt, Objekte von ‘leonid matthias‘ befinden sich im Historischen Museum Frankfurt und Museum für Kommunikation. Die Jung-Komponistin Nadja Jeliazkova schrieb Musik für Theateraufführungen und Filme.

 

Einführung zur Ausstellung von Dr. Snejanka Bauer

Der Knabe, der mit zwei Hanf-Körbchen in den Wald ging

Im Gemälde Herbst von Irina Krause schaut ein kleiner Junge auf den Betrachter. Schwarze Löckchen umspielen seine Stirn und betonen die Röte auf den Wangen, die Kleidung des Jungen weckt Nostalgie. Das Gemälde vermittelt eine puppenähnlich liebliche Atmosphäre, wären da nicht der perfide Zug um die Mundwinkel des Knaben und die zwei Körbchen voller Hanfblätter. Hier verknüpft die Künstlerin vertraute Inhalte miteinander, die nicht zusammengehören und schafft dadurch eine neue irritierende Realität: Denn zu der Darstellungsebene des kleinen Jungen, angelehnt an den alten populären Kartonpuppen zum Ausschneiden und Anziehen, wird eine weitere Ebene hinzugefügt – Hanfblätter als Hinweis eines Drogenkonsums des Knaben?!? 

Irina Krause Herbst, 100 x 80 cm, Öl auf Leinwand, Privatbesitz.

Die zwei Darstellungsebenen stehen inhaltlich im Widerspruch zueinander und verleihen dem Bild eine spannungsgeladene Dynamik. Vielleicht können diese Darstellungen als die Visualisierung eines Paradoxon bezeichnet werden, da sie als antithetisches Paar erscheinen. Auf formal-künstlerischer Ebene handelt es sich hier um ein von der Künstlerin bewusst eingesetztes Stilmittel, um die bildimmanente Spannung zu steigern.
Schon früh setzt Irina Krause die Verflechtung mehrerer Inhalte, die nicht zusammengehören, als bildaufbauendes Element ein und lässt neue surreale Realitäten entstehen. Diese „striking“ Verknüpfung zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Irina Krause und kann als beunruhigende Realität bezeichnet werden. Erfindungsreichtum verbunden mit Witz bei der Verknüpfung der Themenebenen sind fester Bestandteil ihrer Arbeiten. 

Irina Krause vereint in ihren großformatigen Gemälden einen malerischen und einen graphischen Darstellungsmodus. So werden bei dem malerischen Ansatz die Volumen mit dem Pinsel plastisch modelliert. Ganz anders geht die Künstlerin bei der Darstellung flacher, zweidimensionaler Objekte vor. Die Konturen werden in Schwarz aufgetragen und die Binnenräume in einer Farbe flächig ausgemalt. Eine konkrete Lichtquelle fehlt, es gibt keinen Lichteinfall. Die Farben sind dann ohne Farbmodulation aufgetragen.
Wenden wir uns erneut dem Bild Herbst zu. Die Bildkomposition mutet wie die Darstellung eines modernen gendergerechten Rotkäppchens an. Wenn Charles Perrault das Märchen im 21. Jahrhundert geschrieben hätte, wie wäre der Verlauf des Märchens Rotkäppchen gewesen?

Vielleicht hat sich auch Irina Krause diese Frage gestellt und ihre Phantasien visualisiert: 

Rotkäppchen hätte sich vielleicht gendergerecht in einen Jungen verwandelt, sie hätte sich emanzipiert und den Wolf mit ein paar Karate-Schlägen aus dem Wald vertrieben, wonach sie voller Selbstbewusstsein nicht mit einem Korb, sondern mit gleich zwei Körben zu Großmutters Haus durch den herbstlichen Wald geschlendert wäre. Und weil Großmutter unter rheumatischen Schmerzen litt und depressiv war, versorgte sie das Kind gleich noch mit Hanf. So oder ähnlich könnte die narrative Beschreibung von Herbst lauten.

Des Weiteren hat Irina Krause eine Serie von Gemälden entworfen, die sich in märchenhafter Manier mit den Themen Liebe, Glaube, Leben und Tod befassen. 

 

                                                      
Irina Krause Woman-Day, 120 x 100 cm, Öl und Lack auf Leinwand.  ‚


Schneewittchen,
 90 X 70 cm, Öl auf Leinwand, beide Privatbesitz.

Vielleicht hat die Künstlerin versucht sich vorzustellen, wie die bildhafte Wiedergabe einer Flucht vor der Realität in Scheinwelten aussehen könnte und bevölkerte deshalb ihre Gemälde mit Hanf-überwucherten Märchenfiguren und Marien- und Jesusdarstellungen. Eine illustre Welt aus schimmernden Visionen berauscht das Auge. Die Darstellungen erscheinen dem Betrachter vertraut, gleichzeitig aber auch fremd: Sind es die Jesus- und Gottesmuttervisionen, die durch Segensgestus und Schutzmantel vertraut sind? Und muten sie befremdend an, weil sie in Begleitung von Hanf-Damen erscheinen und „nur“ von ihnen wahr genommen werden oder von jungen Frauen mit aufgesetzten digitalen Visions-Brillen? Sogar der Tod wird beschönigt als Schädel in den Händen von Schneewittchen.


Irina Krause Das Mädchen in Rot, 120 x 100 cm, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Es scheint, als ob die Gemälde von Irina Krause sich wie ein Rezept zum Überleben lesen lassen: 

Man nehme Tröpfchen der Pflanze Glaube
Tue Blätter der Pflanze Hanf hinzu,
Verdicke die Substanz mit Jesus- und Marien-Visionen
Und gieße die Emulsion in eine digitale Visions-Brille.
Dann schaue man durch die Brille.
Fertig ist das schmerzlindernde Heilmittel
gegen Alltags-Depressionen.