5.6.26 | 18:00 Uhr
Frankfurt am Main.
Am 5. Juni wird der Kunstverein Familie Montez zum Schauplatz einer der bedeutendsten künstlerischen und politischen Diskussionen des Jahres. Zwei Künstler der zeitgenössischen Avantgarde treten in einen radikalen Dialog: die weltweite Legende der Konzeptkunst Vitaly Komar und der anerkannte Maler Yury Kharchenko. Kuratiert von Marat Guelman, untersucht die Ausstellung „Das alte Haus“ Architektur als die verletzlichste Membran der menschlichen Existenz – eine Hülle, eingezwängt zwischen dem instinktiven Bedürfnis nach Schutz und der harten Realität globaler Erschütterungen.
Im Rahmen der Ausstellung präsentiert Vitaly Komar sein neuestes Projekt „Ruinen der Museen – Visionen aus der Zukunft“. Erstmals nutzt der Künstler generative Künstliche Intelligenz (Stable Diffusion), um die Schicksalhaftigkeit unserer Kulturdenkmäler zu berechnen. Hier fungiert die KI als leidenschaftsloses Orakel, das die Wahrscheinlichkeit des kulturellen Verfalls visualisiert. Ikonische Architekturbauten wie der Louvre oder die Tate Modern erscheinen als verlassene Skelette, zersetzt von der Natur. Der Theoretiker Mikhail Epstein stellt fest, dass das Museum als Sarkophag der Zeit selbst zu deren Opfer wird. Dies ist ein visuelles Zeugnis für Scheitern der Idee der kulturellen Unsterblichkeit – eine technologische Prophezeiung, die die heutige Skepsis gegenüber zentral gesteuerten Zukunftsbildern widerspiegelt.
Die Arbeiten von Yury Kharchenko sind frei von Zynismus und konzentrieren sich auf die physischen Möglichkeiten der Kunst, wobei sie das formale und emotionale Potenzial der Malerei erforschen. Sie sind gleichzeitig gegenstandslos – als reine visuelle Phänomene, ähnlich wie Klänge – und gegenständlich: einfache Hausformen, die die Basis des Zyklus bilden, oder Silhouetten von Figuren, verborgen im Dickicht und Unterholz der dunklen Gitterstrukturen dieser malerischen Räume. Kharchenkos Bilder bestechen durch ihre Textur und ihr Farbgefühl: Sie stimulieren die Sinne und wecken starke Emotionen beim Betrachter.
Beide Künstler unterscheiden sich erheblich in ihrem Zugang zum Medium. Während Yury Kharchenko im Feld der Malerei bleibt und deren Möglichkeiten virtuos auslotet, arbeitet Vitaly Komar mit Künstlicher Intelligenz sowie hyperrealistischen, futuristischen Elementen. Kharchenkos Häuser erinnern an den Klang eines Kammerkonzerts: Sie erzeugen zunächst einen transzendent-spirituellen Eindruck, bleiben aber zugleich tief avantgardistisch. Seine Hausmotive scheinen von innen heraus zu leuchten und vermitteln ein Gefühl von Heimat, Geborgenheit und Wärme, aber gleichzeitig eine labyrintische Suche, bei der der Mensch ständig zu sich selbst zurückkehrt. Was beide Künstler eint, ist die Überzeugung, dass Architektur und ästhetische Philosophie untrennbar miteinander verbunden sind und auf einem System wechselseitiger Metaphern basieren.
Vitaly Komar, geboren 1943 in Moskau, ist ein Titan der nonkonformistischen Kunst. Gemeinsam mit Alexander Melamid schuf er 1972 die Stilrichtung der Sots-Art, eine subversive Verbindung aus Sozialistischem Realismus und Pop-Art, die das sowjetische Machtsystem ästhetisch destabilisierte. 1974 war er einer der Initiatoren der berühmten „Bulldozer-Ausstellung“, die vom KGB gewaltsam geräumt wurde. Nach seiner Emigration nach New York im Jahr 1978 wurde Komar als erster sowjetischer Künstler durch das US National Endowment for the Arts gefördert. Im Laufe seiner Karriere arbeitete er unter anderem mit Andy Warhol zusammen. Seine Werke sind in den bedeutendsten Museen der Welt vertreten, darunter das MoMA, das Guggenheim und die Tate Modern.
Yury Kharchenko, geboren 1986 in Moskau, ist einer der interessantesten Maler seiner Generation, der ständig neue Gebiete künstlerischer Praxis erschließt. 1998 kam er als Kontingentflüchtling nach Deutschland und studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Markus Lüpertz. Einer der wichtigsten Zyklen seines Schaffens ist die Serie „Häuser“. Dieser Zyklus wurde bereits in zahlreichen Institutionen präsentiert, darunter das Museum Kunstpalast Düsseldorf, das Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück, das Kunstmuseum Walter Augsburg, das Kunstmuseum Bochum und die Hamburger Kunsthalle. Seine Arbeiten befinden sich in bedeutenden Sammlungen, einschließlich der Sammlung des Museums Kunstpalast Düsseldorf und der Sammlung des Landes Nordrhein-Westfalen. Er nahm an großen nationalen und internationalen Ausstellungen an der Seite von Künstlern wie Gerhard Richter und Anselm Kiefer teil. Marat Guelman gründete die erste Privatgalerie Russlands sowie das Museum für zeitgenössische Kunst PERMM. Aufgrund seiner konsequenten Antikriegshaltung wurde er vom russischen Staat offiziell zum Terroristen und Extremisten erklärt, als „ausländischer Agent“ eingestuft und zur Fahndung ausgeschrieben. Er ist eines der führenden Mitglieder des Russischen Antikriegskomitees in Brüssel. Für
Guelman ist Kuratieren ein Akt der Bewahrung von
Freiheit unter extremen Bedingungen.
Kurator: Marat Guelman


